AUSNAHMEZUSTAND

Das dauert nun schon 4 Wochen! Dieser andere Zustand. Die meiste Zeit sitze ich hinter dem PC im Keur Diame, trödle rum, surfe um Internet, lese Unmengen von Beiträgen, Artikeln, oder ich stehe in der Küche und backe oder mache Eiscreme. Ich liebe Eiscreme. Kürzlich habe ich ein Moccaeis gemacht, das ist sooo lecker, davon kann ich kaum genug kriegen. Oder ich mache einen Kuchen, oder Kekse. An Ostern habe ich eine Menge Osterfladen gebacken. Die waren lecker. Wurden ganz schnell verputzt. Von mir aber auch von allen anderen. Überhaupt ist die tägliche Frage: „was esse ich heute?“ enorm wichtig geworden. Nicht, weil ich etwa so viel mehr Hunger habe, oder weil wir knapp an Lebensmitteln wären, nein, aus Langeweile überlege ich mir immer ausgiebig, was ich den nun in die Pfanne schmeißen könnte. Aber eigentlich habe ich dann auch immer kaum Hunger. Dazu bewege ich mich gerade nicht genug. Na ja, ich gehe jeden Tag etwa eine Stunde raus und spaziere durch das Quartier. Leider dürfen wir nicht mehr an den Strand, das war immer sehr schön: die Sonne auf der Haut spüren, die nackten Füsse im Sand oder im seichten Wasser waten…. Inzwischen sorgt berittene Polizei dafür, dass wir nicht mehr gehen. Es wurde nun definitiv vor 4 Tagen verboten. Also schlendere ich durch die Sträßchen in meinem Quartier. Denn da darf ich noch. Mit mir auch alle anderen, die sonst immer am Strand sind. Also viele Menschen. Viele mit Masken, verhüllt zur Unkenntlichkeit, oft mit Handschuhen an den Händen. Dann, um 20 Uhr müssen wir alle zu Hause sein und bis morgens um 6 Uhr drin bleiben. Keine Konzerte mehr, oder zu einer Freundin, ein Glas Wein trinken, oder irgendwo lecker essen gehen. Wir hocken zu Hause, sitzen zusammen und tauschen die neuesten Nachrichten und Meldungen aus. Manchmal kocht einer der Jungs Ataya, diesen starken, süssen Grüntee mit Minze. Oder ich sitze drin und sehe mir einen Film an, oder ich lese.

Ab und zu muss ich einkaufen gehen. Wir bekommen alles, was wir brauchen. Zu Beginn wurde ziemlich gehamstert, doch nun kaufen die Leute wieder einigermaßen normal ein. Aus Gründen der Sicherheit für mich gehe ich nicht mehr auf den Markt. Im Supermarkt dann ein skurriles Bild: die meisten tragen Masken vor dem Gesicht, viele auch Handschuhe. Sie stoßen eilig ihre Einkaufswagen durch die Gänge, wobei sie niemanden mehr ansehen und oft auch den Kopf wegdrehen. Leider wird der Abstand nicht immer eingehalten. Als ich am Samstag vor Ostern meine Einkäufe machte, waren die Leute extrem gestresst, bisweilen auch aggressiv. Ich empfand das Ganze als Spießrutenlauf. War froh, endlich wieder draussen zu sein. Wächter und Gepäckräger ebenfalls verhüllt unter Masken, auf der Strasse Händler, die Masken aller Art anpreisen. Inzwischen gibt es sogar Masken, assortiert zum Kleid. Sehr schick!

Ich möchte endlich wieder einmal zu mir nach Hause fahren können. Wie es wohl dort aussieht? Kurz vor der Krise hatte ich noch einen Baum und Blumen gepflanzt. Wie die wohl nun aussehen? Sind sie gewachsen? Auch möchte ich endlich wieder einmal andere Kleider tragen können als die wenigen, die ich bei mir hatte, als der Ausnahmezustand ausgerufen worden war. Zu Hause könnte ich im Garten arbeiten, könnte noch die letzten Vorhänge nähen, oder ein neues Kleid. Könnte meine Negative scannen und ordnen, könnte das Haus wieder mal gründlich reinigen, könnte dies, könnte das.

Na ja, hier im Hotel könnte ich auch die Bücher wider mal ordnen und reinigen, könnte das Büro aufräumen usw. Eigentlich gäbe es auch hier so einiges zu tun. Jeden Abend sage ich mir, morgen, morgen fange ich an…..

Eigentlich bin ich froh, dass ich in Dakar fest sitze. Auch wenn es etwas mühsam für mich ist. Aber hier kann ich mich um mein kleines Hotel kümmern. Es ist gerade jetzt wichtig, dass ich da bin. Wir haben noch ein paar gestrandete Gäste bei uns, um diese muss ich mich kümmern. Mein Personal habe ich bereits auf Teilzeit-Arbeit gesetzt. Wir haben unseren Service reduziert. Im Moment kann ich das Hotel noch halten. Bis Ende Mai, hoffentlich bis Ende Juni. Inzwischen hoffe ich, dass wir dann weitere Optionen haben. Doch ist es unwahrscheinlich, dass der Tourismus vor Jahresende wieder Aufschwung nimmt. Bis dahin werde ich bestimmt nicht durchhalten können, ohne Gäste.

Jeden Tag sage ich mir jedoch: kommt Zeit, kommt Rat. Sich verrückt machen, bringt ja auch nichts. Außerdem bleibt ja noch die Hoffnung, dass wir eine Lösung finden.

Oft frage ich mich, wie wird es danach sein? Werden wir wieder zum Zustand von vor der Krise zurück kehren können? Wollen wir das überhaupt? Wird sich die Welt verändern? Wenn ja, wie?

Wir werden nun noch mindestens 3 Wochen in diesem Ausnahmezustand sein. Ich sehne mich auf das Danach. Auf die wiedererlangte Freiheit. Hoffentlich!

5 Antworten auf “AUSNAHMEZUSTAND”

  1. Mir geht es hier in Ziguinchor ähnlich. Im November letzten Jahres wurde bei uns eingebrochen und es wurde neben dem Geld auch mein PC und meine Papiere geklaut. Dabei war auch mein Führerschein. Das hieß; nicht mehr mit dem Auto fahren können. Glücklicherweise hatte meine senegalesische Frau zeitgleich ihren Führerschein ausgehändigt bekommen. Also konnte zumindest einer von uns mit dem Auto fahren. Aber eine Fahranfängerin hat nun mal so ihre Probleme. Nun ja. Außer ein paar Beulen in der Karosserie geht es dem Auto so weit gut. Was den Diebstahl betrifft; meine Diola-Frau hatte sich noch im November an ein paar Diola-Frauen aus dem Dorf gewendet. Was auch immer diese Frauen gemacht hatten; vor 4 Tagen – also 5 Monate nach dem Diebstahl – kam ein junger Mann zu uns und brachte mir die gestohlenen Papiere zurück. Geld und PC war zwar nicht dabei, aber immerhin. Hat irgendwas gefaselt von einem Fund. Aber genau das hatten die alten Frauen uns damals angekündigt. Sie hatten gesagt, dass wir abwarten sollen. Es wird jemand kommen, der uns die Papiere zurückbringt. Komische Dinge passieren hier manchmal. Zumindest bin ich jetzt auch wieder etwas mobil, weil ich den deutschen Führerschein zurück habe.Auch hier gilt die Ausgangssperre von 20 bis 6 Uhr. Aber wir machen es uns sbends auf der Dachterrasse bequem. Eigentlich empfinde ich die Einschränkungen hier weniger
    Anstrengend als die Menschen sie in Europa und anderswo wohl empfinden müssen. Liegt vielleicht auch daran, dass es hier in Ziguinchor kein Kino, kein Theater und keine besonders guten Restaurants gibt. Das kann man dann schon mal nicht vermissen. Aber gerne würde ich in unser Ferienhaus in Abéné fahren und die Tage am Strand verbringen. Leider ist das nicht möglich. Die Strecke ist von der Gendarmerie gesperrt. Also müssen wir hier in Ziguinchor bleiben. Eine Umstellung bedeutet es für uns, dass die Kinder nicht zur Schule gehen und ihr Unterhaltungsprogramm nun zuhause einfordern. Basteln und Malen steht deshalb auf dem Programm, neben dem Fernseher. Wir nutzen den Stillstand nun auch, um überfällige Arbeiten zu erledigen. Die Tage haben wir Maurer im Haus, die Kleider-Regale für unsere Apartments mauern. Irgendwann werden Touristen ja wiederkommen. Dann haben wir die Zeit etwas genutzt.

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    1. Lieber Harald Schultz
      Herzlichen Dank für Deinen Bericht aus Ziguinchor. Auch sehr interessant. Inzwischen wurde der Ausnahmezustand ja bis zum 02.06. verlängert, doch zum Glück hat Macky die Ausgangssperre von 21 Uhr auf 05 Uhr zurück genommen. Und auch sonst noch Lockerungen ab dem 02.06. angekündigt. Mal sehen, wie es weiter geht. Durch den Ausnahmezustand ist für mich vom Ramadan kaum etwas zu spüren. Nachts ist es ja immer gespenstisch ruhig.
      Ich wünsche Dir und Deiner Familie weiterhin eine gute Zeit und bleibt gesund!
      Bis bald und herzliche Grüsse
      Mme. Ruth

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  2. Liebe Ruth 🌺 vielen Dank für Deinen informativen Bericht * ich freue mich immer von Dir zu lesen *auch ich trödel so herum * es gäbe genug zu tun im Haushalt * aber je mehr Zeit ich habe, desto weniger mache ich 🙄 aber ich habe den guten Vorsatz doch noch einiges zu erledigen * sei 💚lich gegrüßt 🌷 Barbara

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    1. Huch, bereits ein Monat ist seit Deinem Kommentar vergangen! Sorry. Hast Du nun schon einiges erledigen können? Ich hatte das Glück, dass ich in meine Häuschen fahren konnte. Mit einer Spezial-Bewilligung. Ich war eine Woche dort. Es hat mir gut getan. Bericht wird sicher bald folgen.
      Herzliche Grüsse in den Norden und halte die Ohren steif!
      Mme. Ruth

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